Der Moment wenn man feststellt „Ich kann es noch!“

Könnt ihr euch noch an eure Motorradfahrstunden erinnern? Speziell an die 6 Grundfahraufgaben, die alle Bestandteil der Prüfung sind? Mir sind sie noch in guter Erinnerung. Vor allem denke ich an mein persönliches Schreckgespenst aus diesen Aufgaben zurück, dem Stop & Go mit abwechselnden Absetzen des Fußes. Alles andere hat mir eigentlich Spaß gemacht und es hat auch stets gut geklappt aber mir wollte es partout nicht in den Kopf, warum man beim Anhalten den rechten (Brems-)Fuß absetzen sollte. Bei der Prüfung hat es damals dann doch irgendwie geklappt und nach einer knappen halben Stunde hatte der Prüfer dann endlich so viel Mitleid, daß er mir den nagelneuen Führerschein überreichte.

Ein paar Wochen nach meiner Prüfung gab es von der Fahrschule eine Saison-Warmup-Tour, die sich reger Beteiligung erfreute. Sowohl frisch geprüfte Motorradanfänger wie ich, als auch erfahrenere Fahrer aus vorherigen Prüfungen stellten sich ein. Insgesamt waren zwei bis drei Dutzend Teilnehmer über alle Zweiradkategorien der Fahrerlaubnis Klasse A vertreten. Natürlich gehört es sich für eine Warmup-Tour einer Fahrschule, daß die im vorherigen Absatz genannten Übungen noch mal geschult wurden. Nachdem ich nun von einer leichten und handlichen Fahrschul-Kawa ER6N auf ein Honda ST 1100 Sofa gewechselt hatte, fielen mir der Langsam-Slalom und besagtes Stop & Go besonders schwer. Der Wechsel von irgendwas um die 200 zu 320+ kg vollgetankt war dann doch deutlich zu merken.

Spätestens nach dieser Tour war ich gedanklich so weit, diese Übungen in die Kategorie „Das brauche ich nie wieder“ zu verschieben. Langsamstfahrt geht ja schließlich auch mit beiden Füßen runter und Langsam-Slalom macht eh kein Mensch freiwillig.

Heute habe ich nach einem dringend nötigen SB-Waschanlagen-Besuch mit meinem Motorrad an diese Zeit zurückgedacht. Ausgelöst wurden diese Gedanken weil gerade ein mir wichtiger Mensch dabei ist, ebenfalls den A-Schein zu machen. Es ist ja gar nicht so unwahrscheinlich, daß ich mal gebeten werde, die eine oder andere dieser Übungen „zu zeigen“ dachte ich so vor mich hin. Sei es auch nur zum Beweis dafür, daß es wirklich geht, daß man es beherrschen kann, oder daß man das wirklich „so oft braucht, daß man es nicht verlernt“. Egal ob aus Lernunterstützung oder aus eigenem Stolz – ich nutzte die Gelegenheit des Ostermontags und kurvte von der Waschanlage zum anderen Ende des Industriegebietes hinüber in dem die Waschanlage lag und fand eine mir bekannte, kaum befahrene Sackgasse, die nun für meine Übungen herhalten mußte.

Obwohl ich diese Übungen seit vorgenannter Warmup-Tour nicht wieder explizit geübt hatte, gelang es mir wesentlich besser, als ich es erwartet hätte. Unterstützt durch die richtigen Lenkimpulse war selbst das Stop & Go kein böses Gespenst mehr. Auch die Vollbrems-Übungen, jeweils auf nasser und trockener Straße durchgeführt, brachten mir neue Erkenntnisse. So erstaunte es mich dann doch, daß das Motorrad nach unterschreiten der ABS-Regelgeschwindigkeit auch beim Blockieren der Räder auf der nassen Piste für die letzten paar km/h durchaus stabil und aufrecht blieb. Der größte Aha-Effekt entstand jedoch bei der Vollbremsung aus 100 km/h auf trockener Straße. Bevor jetzt jemand den Finger erhebt und schimpft warum ich in einer Ortschaft 100 gefahren bin, kann ich gleich Entwarnung geben. Ich habe das Gebiet verlassen und eine Spielstraße dafür benutzt.

So heißen doch die Straßen, die nach dem Ortsausgang aufs Land führen und wo man sein „Spielzeug“ Motorrad ausführlich benutzen darf, oder? 😉

Jetzt mal ernsthaft: Diese Bremsung habe ich auf einer mehrere hundert Meter voraus und zurück einsehbaren Landstraße geprobt auf der ich sicher sein konnte, niemanden zu gefährden. Holen wir jetzt noch mal die Formel für den Bremsweg aus dem Fahrschulgedächtnis: ((Geschwindigkeit geteilt durch 10) x (Geschwindigkeit geteilt durch 10)) – macht bei 100 km/h also 100 Meter. Das dieser Wert schon lange unterschritten wird war mir klar. Daß mein Motorrad aber bereits nach schätzungsweise 35 Metern gestanden hat, hat mich dann doch verblüfft. Bei erreichen eines Leitpfostens beide Bremsen schlagartig zu gemacht stand meine ST ungefähr nach einem dreiviertel Weg bis zum nächsten Pfosten. Die Erkenntnis darüber, wie gut ein Motorrad wirklich bremsen kann und die vorherigen Fahr- und Grundfahrübungen, teils auch auf nasser Straße, geben mir ein gutes Gefühl für die kommende Hauptsaison. Ja, Hauptsaison, ich bin schließlich Ganzjahresfahrer. 😉

Auch die Erkenntnis, „Ja, ich kann es noch!“ geben mir die Sicherheit, auf entsprechende „Zeig doch mal…“ Anfragen gelassen reagieren zu können.

In diesem Sinn wünsche ich Allen eine sichere und geübte Saison 2016.

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